In der Kommunikation zwischen einer dysfunktional und einer funktional handelnden Person: Was sind typische Probleme?
Wenn eine funktional handelnde Person mit einer dysfunktional handelnden Person kommuniziert, entstehen die Schwierigkeiten oft nicht durch unterschiedliche Meinungen, sondern durch unterschiedliche implizite Regeln darüber, wie Kommunikation überhaupt funktioniert.
Mit „funktional“ meine ich dabei jemanden, der Kommunikation primär zur Klärung, Verständigung und Problemlösung nutzt. Mit „dysfunktional“ jemanden, dessen Kommunikation von Abwehrmechanismen, verdeckten Motiven, Selbstschutz, Machtspielen oder unverarbeiteten emotionalen Themen geprägt ist.
Typische Probleme sind:
1. Unterschiedliche Ziele der Kommunikation
Die funktionale Person möchte ein Problem verstehen und lösen.
Die dysfunktionale Person möchte möglicherweise etwas ganz anderes:
- Recht behalten
- Schuld vermeiden
- Kontrolle behalten
- Kränkungen kompensieren
- Nähe erzwingen
- Distanz herstellen
- das eigene Selbstbild schützen
Dadurch entsteht oft das Gefühl:
„Wir reden über dasselbe Thema, aber irgendwie nicht über dieselbe Sache.“
2. Sachargumente erreichen ihr Ziel nicht
Die funktionale Person versucht häufig:
- zu erklären
- zu begründen
- Fakten einzubringen
- Missverständnisse aufzuklären
Die dysfunktionale Person reagiert jedoch auf einer anderen Ebene.
Beispiel:
Funktional:
„Ich habe den Termin verschoben, weil der Kunde abgesagt hat.“
Dysfunktional:
„Du willst also sagen, dass ich schuld bin?“
Die Aussage wird nicht auf der Sachebene verarbeitet, sondern durch emotionale Filter.
3. Verantwortung wird unterschiedlich verstanden
Funktionale Menschen fragen:
- Was ist passiert?
- Welchen Anteil habe ich?
- Wie können wir das lösen?
Dysfunktionale Kommunikation sucht häufig:
- Schuldige
- Rechtfertigungen
- Entlastung des eigenen Anteils
Dadurch entstehen endlose Kreisgespräche.
4. Direkte Kommunikation trifft auf indirekte Kommunikation
Die funktionale Person sagt:
„Ich bin mit dieser Lösung nicht einverstanden.“
Die dysfunktionale Person sagt eher:
„Mach doch, was du willst.“
oder
„Ist schon okay.“
obwohl das Gegenteil gemeint ist.
Die funktionale Person nimmt Aussagen wörtlich.
Die dysfunktionale Person erwartet oft, dass unausgesprochene Botschaften erkannt werden.
5. Grenzen werden unterschiedlich wahrgenommen
Funktionale Kommunikation akzeptiert:
- Nein
- unterschiedliche Bedürfnisse
- individuelle Grenzen
Dysfunktionale Kommunikation erlebt Grenzen häufig als:
- Ablehnung
- Angriff
- Liebesentzug
- Respektlosigkeit
Ein einfaches „Nein“ kann deshalb starke emotionale Reaktionen auslösen.
6. Metakommunikation funktioniert nicht
Funktionale Personen versuchen oft:
„Wir drehen uns im Kreis. Lass uns darüber sprechen, wie wir gerade miteinander reden.“
Für dysfunktionale Personen kann genau das bedrohlich sein.
Denn Metakommunikation macht Muster sichtbar, die bisher unbewusst oder geschützt waren.
7. Die funktionale Person überschätzt die Wirkung von Einsicht
Ein häufiger Irrtum lautet:
„Wenn ich es nur gut genug erkläre, wird die andere Person es verstehen.“
Verstehen und Verändern sind jedoch zwei verschiedene Dinge.
Viele dysfunktionale Muster bestehen nicht wegen mangelnder Einsicht, sondern weil sie psychologische Funktionen erfüllen:
- Schutz vor Scham
- Schutz vor Angst
- Stabilisierung des Selbstwerts
- Vermeidung von Verletzlichkeit
8. Die funktionale Person beginnt, an sich selbst zu zweifeln
Besonders belastend wird es, wenn die funktionale Person wiederholt erlebt:
- Fakten werden verdreht.
- Absprachen werden bestritten.
- Aussagen werden umgedeutet.
- Themen wechseln ständig.
Dann entsteht oft:
„Bin ich wirklich so unklar? Habe ich etwas übersehen? Warum kommen wir nie voran?“
Dieses Gefühl ist häufig ein Hinweis darauf, dass nicht mehr auf einer gemeinsamen Realitätsebene kommuniziert wird.
Die eigentliche Tragik
Die funktionale Person versucht meist, die Kommunikationsstörung innerhalb der Kommunikation zu lösen.
Die dysfunktionale Person produziert die Kommunikationsstörung jedoch oft durch ihre Art zu kommunizieren.
Dadurch entsteht ein Paradox:
Je mehr die funktionale Person erklärt, klärt und differenziert, desto mehr Material steht für Missverständnisse, Abwehr oder Umdeutungen zur Verfügung.
Deshalb besteht die Lösung häufig nicht in besserer Kommunikation, sondern in der Erkenntnis, dass Kommunikation nur dann funktionieren kann, wenn beide Seiten zumindest teilweise dieselben Regeln akzeptieren: Wahrhaftigkeit, Verantwortungsübernahme, Realitätsbezug und die Bereitschaft, sich selbst infrage zu stellen.
Fehlen diese Voraussetzungen dauerhaft, wird Verständigung nicht schwierig, sondern strukturell unmöglich.



