Der Preis der Unfehlbarkeit

Eine der erstaunlichsten Veränderungen in Gruppen beginnt oft mit etwas Positivem.

Jemand übernimmt Verantwortung.

Jemand trifft gute Entscheidungen.

Jemand löst Probleme, die andere nicht lösen konnten.

Mit der Zeit entsteht Vertrauen.

Aus Vertrauen entsteht Einfluss.

Und aus Einfluss entsteht manchmal etwas anderes:

Die Vorstellung, dass diese Person häufiger recht hat als andere.

Bis hierhin ist daran wenig problematisch.

Schwierig wird es erst, wenn aus der Annahme besonderer Kompetenz die Erwartung von Unfehlbarkeit wird.

Denn in diesem Moment verändert sich nicht nur die Stellung einer Person.

Es verändert sich die gesamte Dynamik der Gruppe.

Der Beginn

Die meisten Gruppen bestrafen Fehler nicht gleichmäßig.

Fehler von Neulingen werden anders bewertet als Fehler von Führungspersonen. Fehler von Außenseitern anders als Fehler von Menschen mit hohem Status.

Das ist normal.

Problematisch wird es, wenn eine Person allmählich eine Sonderstellung erhält.

Ihre Erfolge werden erinnert.

Ihre Irrtümer werden vergessen.

Ihre Einschätzungen erhalten mehr Gewicht.

Ihre Entscheidungen werden seltener hinterfragt.

Irgendwann entsteht eine unsichtbare Regel:

Wenn diese Person etwas sagt, wird es vermutlich stimmen.

Aus Sicht der Gruppe wirkt das effizient.

Diskussionen werden kürzer.

Entscheidungen fallen schneller.

Unsicherheit nimmt ab.

Doch genau hier beginnt der Preis der Unfehlbarkeit.

Das Verschwinden der Gegenstimmen

Niemand muss Kritik verbieten.

Oft genügt es, wenn Kritik unangenehm wird.

Menschen beobachten sehr genau, welche Reaktionen bestimmte Verhaltensweisen auslösen.

Wenn Widerspruch regelmäßig Irritation erzeugt, wenn kritische Fragen als Angriff wahrgenommen werden oder wenn abweichende Meinungen zu sozialem Druck führen, beginnt ein stiller Anpassungsprozess.

Die ersten Gegenstimmen verstummen.

Nicht weil sie ihre Meinung geändert hätten.

Sondern weil sie gelernt haben, dass ihre Meinung unerwünscht ist.

Von außen betrachtet wirkt die Gruppe dadurch geschlossener.

Von innen betrachtet verliert sie etwas Wertvolles.

Sie verliert ihre Frühwarnsysteme.

Die Kassandra-Zone

Genau an diesem Punkt berührt das Thema die Kassandra-Dynamik.

Frühwarner leben davon, Probleme zu erkennen, bevor sie für alle sichtbar werden.

Das macht sie oft unbequem.

Sie stören Gewissheiten.

Sie verweisen auf Risiken.

Sie stellen Fragen, die andere lieber vermeiden würden.

In einer Gruppe, die Fehler benennen darf, erfüllen solche Menschen eine wichtige Funktion.

In einer Gruppe, die Unfehlbarkeit erwartet, werden sie schnell zum Störfaktor.

Denn jede Warnung enthält eine implizite Botschaft:

Vielleicht irren wir uns.

Und genau dieser Satz wird gefährlich, wenn die Gruppe begonnen hat, an die Unfehlbarkeit einzelner Personen zu glauben.

Die Illusion der Harmonie

Paradoxerweise wirkt die Gruppe in dieser Phase oft besonders stabil.

Die Diskussionen verlaufen ruhiger.

Konflikte nehmen ab.

Entscheidungen werden schneller getroffen.

Nach außen entsteht der Eindruck hoher Einigkeit.

Doch Einigkeit und Erkenntnis sind nicht dasselbe.

Eine Gruppe kann vollkommen geschlossen auftreten und dennoch wichtige Entwicklungen übersehen.

Tatsächlich sind viele Fehler sozialer Systeme keine Folge mangelnder Intelligenz.

Sie entstehen, weil bestimmte Informationen nicht mehr ausgesprochen werden.

Die steigenden Kosten

Der Preis der Unfehlbarkeit wird selten sofort sichtbar.

Er wächst langsam.

Zunächst verschwinden kritische Fragen.

Dann verschwinden kritische Menschen.

Danach verschwinden alternative Perspektiven.

Die Gruppe verliert nicht auf einen Schlag ihre Fähigkeit zur Selbstkorrektur.

Sie verliert sie schrittweise.

Jede einzelne Veränderung wirkt unbedeutend.

Die Summe dieser Veränderungen kann jedoch erheblich sein.

Irgendwann wird die Gruppe überraschungsanfälliger.

Probleme werden später erkannt.

Fehler wiederholen sich.

Warnsignale bleiben unbeachtet.

Die Anpassungsfähigkeit sinkt.

Was zuvor als Stärke erschien, entwickelt sich allmählich zur Schwachstelle.

Das eigentliche Paradox

Die Ironie besteht darin, dass Unfehlbarkeit oft aus echter Kompetenz entsteht.

Menschen erhalten Einfluss nicht zufällig.

Viele haben sich ihre Position durch Erfahrung, Leistung oder besondere Fähigkeiten erarbeitet.

Gerade deshalb ist die Gefahr so schwer zu erkennen.

Denn die betreffende Person kann tatsächlich außergewöhnlich kompetent sein.

Niemand muss inkompetent sein, damit die Dynamik problematisch wird.

Es genügt, wenn die Gruppe aufhört, zwischen Kompetenz und Unfehlbarkeit zu unterscheiden.

Die entscheidende Frage

Vielleicht besteht die Stärke einer Gruppe deshalb nicht darin, möglichst wenige Fehler zu machen.

Vielleicht besteht ihre Stärke darin, Fehler möglichst früh entdecken zu können.

Dafür braucht es Menschen, die widersprechen.

Menschen, die Fragen stellen.

Menschen, die Unsicherheiten sichtbar machen.

Und Menschen, die den Mut haben zu sagen:

Ich glaube, wir übersehen etwas.

Die eigentliche Gefahr beginnt möglicherweise nicht dann, wenn Fehler entstehen.

Sondern dann, wenn niemand mehr wagt, auf sie hinzuweisen.

Denn Gruppen scheitern selten an einzelnen Irrtümern.

Sie scheitern häufiger an der Überzeugung, dass Irrtümer nicht mehr möglich sind.

Über die Autorin

Silke Hupka beschäftigt sich mit sozialen Dynamiken, Gruppenprozessen und den Mustern menschlichen Zusammenlebens. Auf Neugiernase macht sie Zusammenhänge sichtbar, die oft erst auffallen, wenn man Abstand gewinnt. Immer noch neugierig? Hier gibts mehr Infos.

Denkanstöße zu sozialen Dynamiken

Neugiernase lädt dazu ein, soziale Phänomene mit Neugier zu betrachten – und sich dabei gelegentlich an die eigene Nase zu fassen.

Menschen leben in Gruppen. In Familien, Freundeskreisen, Vereinen, Kirchengemeinden, Nachbarschaften, Teams und Gemeinschaften aller Art.

Dort entstehen Zugehörigkeit, Vertrauen und Unterstützung. Aber auch Konflikte, Missverständnisse, Ausgrenzung, Loyalitätskonflikte und schwierige Entscheidungen.

Warum schweigen Menschen manchmal, obwohl sie Zweifel haben?

Warum werden manche Personen zu Außenseitern?

Warum halten Gruppen an Gewohnheiten fest, die vielen schaden?

Warum fällt es oft schwer, gegen den Strom zu schwimmen?

Und warum wirken manche Gemeinschaften einladend, während andere Menschen auf Dauer erschöpfen oder verletzen?

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