Die Organisation als Teil der eigenen Identität

Wenn über problematische Entwicklungen in großen Organisationen gesprochen wird, entsteht häufig ein Bild, das erstaunlich stabil ist: Auf der einen Seite stehen diejenigen, die Unrecht benennen, auf der anderen Seite jene, die es verteidigen oder relativieren. Die Erklärung dafür wird nicht selten in den Eigenschaften der beteiligten Menschen gesucht. Wer wegsehe, müsse gleichgültig sein. Wer schweige, müsse zustimmen. Wer Kritik zurückweise, könne kein besonders reflektierter Mensch sein.

Diese Vorstellung besitzt eine gewisse Einfachheit. Sie erlaubt es, soziale Konflikte auf individuelle Charaktereigenschaften zurückzuführen. Doch gerade die Beobachtung großer Organisationen legt nahe, dass die Wirklichkeit komplizierter verläuft. Religiöse Gemeinschaften, politische Parteien, Vereine, Schulen, Wohlfahrtsverbände oder Unternehmen bestehen überwiegend nicht aus Menschen, die sich selbst als unmoralisch verstehen. Im Gegenteil: Viele von ihnen engagieren sich über Jahre hinweg gerade deshalb, weil sie die Ziele ihrer Organisation für sinnvoll halten, weil sie helfen möchten, Verantwortung übernehmen oder einen Beitrag zu etwas leisten wollen, das sie als gesellschaftlich wertvoll betrachten.

Die Frage, weshalb Organisationen dennoch Schwierigkeiten haben können, eigenes Fehlverhalten anzuerkennen, führt deshalb weniger zu den moralischen Eigenschaften einzelner Personen als zu einem anderen Sachverhalt: zur Bedeutung, die Organisationen für das Selbstverständnis ihrer Mitglieder gewinnen können.

Menschen treten Organisationen selten nur als funktionale Nutzer bei. Wer über Jahrzehnte in einer Partei aktiv ist, wer seine berufliche Laufbahn in einem Unternehmen verbringt, wer sich in einer religiösen Gemeinschaft engagiert oder ehrenamtlich in einem Verband tätig ist, investiert nicht nur Zeit. Mit den Jahren entstehen Beziehungen, Erinnerungen, Erfahrungen und Lebensentscheidungen, die mit der Organisation verwoben sind. Freundschaften entstehen dort, Partnerschaften beginnen dort, wichtige Lebensabschnitte werden dort verbracht. Die Organisation wird Teil der eigenen Biografie.

Dadurch verändert sich auch die Bedeutung von Kritik. Sie richtet sich dann nicht mehr ausschließlich gegen eine Institution, sondern berührt indirekt die Geschichte jener Menschen, die ihr Leben mit dieser Institution verbunden haben. Wenn eine Organisation für Werte steht, auf die man stolz war, wenn sie Orientierung gegeben hat oder als Ort des Engagements erlebt wurde, dann kann die Anerkennung schwerwiegenden Fehlverhaltens eine eigentümliche Spannung erzeugen. Denn die Frage lautet nicht mehr nur, was geschehen ist. Zugleich stellt sich die Frage, was dies über einen Ort aussagt, dem man vertraut hat, und über Entscheidungen, die man selbst getroffen hat.

In diesem Zusammenhang wird verständlich, weshalb moralische Urteile selten ausschließlich individuelle Vorgänge sind. Menschen bewerten Ereignisse nicht isoliert von ihren sozialen Beziehungen. Die Sozialpsychologie hat immer wieder darauf hingewiesen, dass Wahrnehmungen, Bewertungen und Schlussfolgerungen in Gruppen entstehen und durch Gruppen beeinflusst werden. Was plausibel erscheint, was als glaubwürdig gilt, welche Informationen Aufmerksamkeit erhalten und welche als zweitrangig wahrgenommen werden, entwickelt sich oft in einem sozialen Kontext.

Dies bedeutet nicht, dass Menschen ihre Überzeugungen bewusst an die Gruppe anpassen würden. Häufig geschieht der Prozess wesentlich unspektakulärer. Bestimmte Fragen werden häufiger gestellt als andere. Manche Themen werden ausführlich diskutiert, andere eher am Rand behandelt. Bestimmte Sichtweisen erfahren Zustimmung, andere lösen Unbehagen aus. Über längere Zeiträume können sich daraus gemeinsame Interpretationsmuster entwickeln, die niemand ausdrücklich beschlossen hat und die dennoch eine erhebliche Wirkung entfalten.

Gerade in Organisationen mit einer starken Identität kann dadurch ein Spannungsverhältnis entstehen. Einerseits besteht die Bereitschaft, Leid anzuerkennen und Mitgefühl zu zeigen. Andererseits kann die vollständige Anerkennung bestimmter Erfahrungen das Bild einer Organisation erschüttern, die als moralisch wertvoll erlebt wird. Die Folge ist nicht zwangsläufig eine bewusste Ablehnung der Betroffenen. Häufiger lässt sich beobachten, dass Aufmerksamkeit und Interesse zwischen verschiedenen Anliegen aufgeteilt werden. Neben die Frage nach dem Geschehen tritt die Frage nach den Folgen für die Organisation. Neben die Perspektive der Betroffenen tritt die Sorge um das Ansehen der Gemeinschaft. Neben die Untersuchung konkreter Vorwürfe tritt die Diskussion darüber, ob die Organisation insgesamt gerecht beurteilt wird.

Für Betroffene kann sich dadurch eine eigentümliche Situation ergeben. Ihre Erfahrungen werden zwar möglicherweise nicht vollständig bestritten, aber sie stehen in einem Umfeld, in dem zahlreiche andere Interessen gleichzeitig berücksichtigt werden. Die Schilderung eines erlittenen Schadens wird dann nicht nur als Information über ein Ereignis verstanden, sondern auch als Aussage über eine Gemeinschaft, mit der sich viele Menschen identifizieren. Aus der Perspektive der Organisation erscheint dies oft unvermeidlich. Aus der Perspektive der Betroffenen kann es den Eindruck erzeugen, dass die Aufmerksamkeit von ihrem Erleben auf die Selbstbeschreibung der Institution übergeht.

Dabei spielt Loyalität eine besondere Rolle. Loyalität gehört zu den Eigenschaften, die innerhalb von Gruppen meist positiv bewertet werden. Sie signalisiert Verlässlichkeit, Zusammenhalt und Zugehörigkeit. Ohne ein gewisses Maß an Loyalität könnten größere Gemeinschaften kaum bestehen. Gleichzeitig entsteht daraus eine Schwierigkeit, denn Loyalität zeigt sich häufig nicht erst in aktiver Verteidigung, sondern bereits in kleinen Formen der Zurückhaltung. Ein Einwand wird nicht ausgesprochen. Eine Beobachtung bleibt unerwähnt. Eine Irritation wird zunächst für sich behalten. Solche Entscheidungen müssen nicht strategisch getroffen werden. Oft ergeben sie sich aus dem Wunsch, Beziehungen nicht zu belasten oder Konflikte zu vermeiden.

Gerade deshalb verlaufen Anpassungsprozesse häufig schrittweise. Nur selten steht am Anfang eine bewusste Entscheidung, offensichtliches Fehlverhalten zu ignorieren. Häufiger besteht der Prozess aus vielen kleinen Übergängen, die jeweils für sich betrachtet unscheinbar wirken. Eine Erklärung erscheint plausibel. Eine Nachfrage wird vertagt. Ein Widerspruch unterbleibt. Ein Thema verliert an Aufmerksamkeit. Rückblickend kann daraus ein Muster entstehen, das deutlich sichtbarer wirkt als in dem Moment, in dem die einzelnen Entscheidungen getroffen wurden.

Die Frage, was dies für Betroffene bedeutet, lässt sich daher nicht allein durch den Verweis auf individuelle Absichten beantworten. Selbst dort, wo viele Beteiligte aufrichtig handeln möchten, können soziale Dynamiken entstehen, die bestimmte Erfahrungen an den Rand drängen. Nicht weil deren Bedeutung grundsätzlich bestritten würde, sondern weil sie in Konkurrenz zu anderen psychologischen und sozialen Bedürfnissen geraten. Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, nach Loyalität, nach einem positiven Selbstbild und nach Stabilität sozialer Beziehungen gehört zu den konstantesten Merkmalen menschlichen Zusammenlebens.

Darin liegt möglicherweise eine der bemerkenswertesten Beobachtungen im Umgang mit organisationalem Fehlverhalten. Die Schwierigkeiten der Aufarbeitung entstehen nicht ausschließlich dort, wo Menschen moralische Maßstäbe ablehnen. Sie können ebenso dort auftreten, wo Menschen versuchen, mehreren moralischen Anforderungen gleichzeitig gerecht zu werden: der Verpflichtung gegenüber Betroffenen, der Loyalität gegenüber einer Gemeinschaft, der Verantwortung für soziale Beziehungen und dem Wunsch, die eigene Lebensgeschichte als sinnvoll und stimmig zu verstehen.

Aus dieser Perspektive erscheint die Organisation nicht mehr lediglich als äußerer Rahmen menschlichen Handelns. Sie wird zu einem Bestandteil persönlicher Identität. Kritik an ihr berührt dann nicht nur Strukturen und Entscheidungen, sondern auch Erinnerungen, Zugehörigkeiten und Selbstbilder. Für Betroffene bedeutet dies, dass ihre Erfahrungen häufig in einem sozialen Feld verhandelt werden, in dem weit mehr auf dem Spiel steht als die Klärung einzelner Ereignisse. Gerade deshalb verlaufen Anerkennung, Widerspruch, Schweigen und Verteidigung oft weniger geradlinig, als es aus größerer Distanz erscheinen mag.

Über die Autorin

Silke Hupka beschäftigt sich mit sozialen Dynamiken, Gruppenprozessen und den Mustern menschlichen Zusammenlebens. Auf Neugiernase macht sie Zusammenhänge sichtbar, die oft erst auffallen, wenn man Abstand gewinnt. Immer noch neugierig? Hier gibts mehr Infos.

Denkanstöße zu sozialen Dynamiken

Neugiernase lädt dazu ein, soziale Phänomene mit Neugier zu betrachten – und sich dabei gelegentlich an die eigene Nase zu fassen.

Menschen leben in Gruppen. In Familien, Freundeskreisen, Vereinen, Kirchengemeinden, Nachbarschaften, Teams und Gemeinschaften aller Art.

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