Die Tragödie des Gründers

Jede Gruppe hat eine Entstehungsgeschichte.

Oft beginnt sie mit einer Person, die etwas sieht, das andere noch nicht sehen. Jemand hat eine Idee, entwickelt eine Vision, erkennt eine Möglichkeit oder empfindet einen Mangel, den andere bislang akzeptiert haben. Während viele Menschen auf günstige Umstände warten, beginnt diese Person zu handeln.

Gruppen entstehen selten durch Abstimmungen.

Sie entstehen durch Initiative.

Und Initiative hat häufig eine Eigenschaft, die in vielen Diskussionen einen schlechten Ruf besitzt:

Ein starkes Ego.

Denn wer etwas Neues aufbauen möchte, muss in gewisser Weise davon überzeugt sein, dass die eigene Idee es wert ist, verfolgt zu werden. Wer Widerstände überwinden, Risiken eingehen und andere Menschen für ein Vorhaben gewinnen will, benötigt Beharrlichkeit, Selbstvertrauen und die Bereitschaft, den eigenen Überzeugungen auch dann zu folgen, wenn Zustimmung noch fehlt.

Viele Gruppen verdanken ihre Existenz genau diesen Eigenschaften.

Ohne sie gäbe es das Projekt, die Organisation, die Gemeinschaft oder die Bewegung möglicherweise überhaupt nicht.

Doch genau hier beginnt die Tragödie.

Denn dieselben Eigenschaften, die eine Gruppe erschaffen, können später zu einem Problem werden.

Die Gründerphase

In den frühen Jahren einer Gruppe ist starke Führung oft ein Vorteil.

Entscheidungen müssen schnell getroffen werden.

Ressourcen sind knapp.

Strukturen fehlen.

Verantwortung konzentriert sich auf wenige Schultern.

In dieser Phase profitieren Gruppen häufig von Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und die Richtung vorzugeben.

Das System ist klein.

Die Person und die Gruppe sind nahezu identisch.

Kritische Diskussionen kosten Zeit, die oft nicht vorhanden ist.

Der Gründer wird deshalb zum Motor der Entwicklung.

Der Wendepunkt

Mit der Zeit verändert sich jedoch die Gruppe.

Sie wächst.

Neue Menschen kommen hinzu.

Neue Kompetenzen entstehen.

Neue Perspektiven werden verfügbar.

Aus einem Projekt wird ein soziales System.

Und genau hier entsteht eine neue Herausforderung.

Die Fähigkeiten, die in der Gründerphase hilfreich waren, sind nicht automatisch dieselben Fähigkeiten, die in der Wachstumsphase benötigt werden.

Eine Gruppe, die größer wird, braucht zunehmend:

  • Delegation
  • Vertrauen
  • Widerspruch
  • geteilte Verantwortung
  • neue Ideen

Mit anderen Worten:

Sie muss erwachsen werden.

Doch Erwachsenwerden bedeutet auch, dass die Gruppe sich teilweise von ihrem Gründer emanzipiert.

Die Identitätsfalle

Für manche Gründer ist genau das schwierig.

Nicht aus Bosheit.

Nicht aus Machtgier.

Sondern weil die Gruppe über viele Jahre ein Teil ihrer eigenen Identität geworden ist.

Die Organisation ist nicht einfach ein Projekt.

Sie ist ein Lebenswerk.

Die Gemeinschaft ist nicht irgendeine Gruppe.

Sie ist die Verkörperung einer persönlichen Vision.

Jeder Vorschlag zur Veränderung berührt deshalb nicht nur die Struktur der Gruppe.

Er berührt auch das Selbstbild des Gründers.

Aus einer organisatorischen Frage wird eine persönliche Frage.

Und genau dadurch verändert sich die Dynamik.

Wenn Loyalität wichtiger wird als Kompetenz

In dieser Phase beginnen manche Gruppen, sich unmerklich zu verändern.

Neue Ideen werden nicht mehr danach bewertet, ob sie gut sind.

Sondern danach, ob sie mit den Vorstellungen des Gründers übereinstimmen.

Kritik wird schwieriger.

Widerspruch wird riskanter.

Loyalität gewinnt an Bedeutung.

Kompetenz allein reicht nicht mehr aus.

Die Gruppe bewegt sich langsam von einer Kultur des Beitrags zu einer Kultur der Zustimmung.

Oft bemerken die Beteiligten diesen Wandel zunächst nicht.

Denn der Gründer ist weiterhin engagiert.

Weiterhin kompetent.

Weiterhin überzeugt von seiner Mission.

Gerade deshalb wirkt die Entwicklung so plausibel.

Das Schweigen der zweiten Reihe

Eine besonders interessante Folge zeigt sich häufig bei den Menschen, die direkt unterhalb des Gründers stehen.

Die zweite Reihe.

Dort sitzen oft Personen mit Erfahrung, Fachwissen und eigenen Ideen.

Sie erkennen Probleme.

Sie sehen Chancen.

Sie könnten Verantwortung übernehmen.

Doch wenn ihre Perspektiven regelmäßig übergangen werden, verändert sich ihr Verhalten.

Zunächst diskutieren sie weniger.

Dann ziehen sie sich zurück.

Und irgendwann verlassen manche von ihnen die Gruppe.

Dadurch entsteht ein paradoxes Ergebnis.

Je stärker ein Gründer versucht, die Kontrolle zu behalten, desto weniger kompetente Menschen bleiben übrig, mit denen er die Zukunft gestalten könnte.

Die Illusion der Stabilität

Nach außen wirkt die Gruppe in dieser Phase häufig erstaunlich stabil.

Die Richtung ist klar.

Konflikte nehmen ab.

Entscheidungen werden schneller getroffen.

Die Vision bleibt konsistent.

Doch unter der Oberfläche entsteht ein anderes Problem.

Die Fähigkeit zur Selbstkorrektur nimmt ab.

Neue Perspektiven verschwinden.

Kritische Stimmen werden seltener.

Die Gruppe verliert ihre innere Vielfalt.

Was wie Stabilität aussieht, kann in Wirklichkeit eine Form der Erstarrung sein.

Die eigentliche Tragödie

Die Tragödie des Gründers besteht nicht darin, dass ein Mensch zu viel Einfluss besitzt.

Sie besteht darin, dass seine größte Stärke allmählich zur größten Begrenzung werden kann.

Das Selbstvertrauen, das notwendig war, um die Gruppe aufzubauen, erschwert nun das Loslassen.

Die Entschlossenheit, die das Projekt möglich machte, erschwert nun Veränderungen.

Die starke Vision, die Orientierung gab, erschwert nun alternative Sichtweisen.

Die Gruppe wird nicht trotz der Stärken des Gründers begrenzt.

Sie wird durch dieselben Eigenschaften begrenzt, denen sie ihre Existenz verdankt.

Die entscheidende Frage

Vielleicht lässt sich die Qualität eines Gründers deshalb nicht daran messen, ob er eine Gruppe erschaffen kann.

Viele Menschen können das.

Die schwierigere Frage lautet:

Kann er zulassen, dass die Gruppe irgendwann mehr wird als er selbst?

Denn jede Gemeinschaft steht irgendwann vor derselben Entscheidung.

Soll sie dauerhaft um ihren Gründer kreisen?

Oder darf sie beginnen, ihre eigene Zukunft zu entwickeln?

Vielleicht entscheidet sich genau an diesem Punkt, ob aus einer Gründung ein Vermächtnis wird.

Oder eine Sackgasse.

Über die Autorin

Silke Hupka beschäftigt sich mit sozialen Dynamiken, Gruppenprozessen und den Mustern menschlichen Zusammenlebens. Auf Neugiernase macht sie Zusammenhänge sichtbar, die oft erst auffallen, wenn man Abstand gewinnt. Immer noch neugierig? Hier gibts mehr Infos.

Denkanstöße zu sozialen Dynamiken

Neugiernase lädt dazu ein, soziale Phänomene mit Neugier zu betrachten – und sich dabei gelegentlich an die eigene Nase zu fassen.

Menschen leben in Gruppen. In Familien, Freundeskreisen, Vereinen, Kirchengemeinden, Nachbarschaften, Teams und Gemeinschaften aller Art.

Dort entstehen Zugehörigkeit, Vertrauen und Unterstützung. Aber auch Konflikte, Missverständnisse, Ausgrenzung, Loyalitätskonflikte und schwierige Entscheidungen.

Warum schweigen Menschen manchmal, obwohl sie Zweifel haben?

Warum werden manche Personen zu Außenseitern?

Warum halten Gruppen an Gewohnheiten fest, die vielen schaden?

Warum fällt es oft schwer, gegen den Strom zu schwimmen?

Und warum wirken manche Gemeinschaften einladend, während andere Menschen auf Dauer erschöpfen oder verletzen?

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