Wenn Kommunikation nicht dieselben Spielregeln kennt


Kommunikation gilt häufig als Werkzeug der Verständigung. Zwei Menschen tauschen Informationen aus, gleichen Wahrnehmungen ab, klären Missverständnisse und entwickeln im besten Fall ein gemeinsames Verständnis einer Situation. Diese Vorstellung prägt viele Modelle sozialer Interaktion und wirkt so selbstverständlich, dass kaum auffällt, wie voraussetzungsvoll sie eigentlich ist.

Denn Verständigung setzt nicht nur Sprache voraus. Sie setzt auch gemeinsame Annahmen darüber voraus, was Kommunikation überhaupt leisten soll.

Besonders sichtbar wird dies in Begegnungen zwischen funktional und dysfunktional handelnden Personen. Dabei geht es nicht um feste Persönlichkeitseigenschaften, sondern um unterschiedliche Kommunikationslogiken. Funktionales Handeln orientiert sich überwiegend an Sachbezug, Nachvollziehbarkeit und gemeinsamer Wirklichkeitsprüfung. Dysfunktionales Handeln folgt häufig anderen Prioritäten. Dort stehen beispielsweise Selbstschutz, Loyalität, Statussicherung, Schuldabwehr oder emotionale Entlastung im Vordergrund.

Das Problem besteht selten darin, dass unterschiedliche Meinungen aufeinandertreffen. Schwieriger wird es dort, wo unterschiedliche Kommunikationsziele aufeinandertreffen.

Von außen betrachtet kann ein Gespräch zunächst völlig normal erscheinen. Beide Seiten verwenden dieselben Wörter, beziehen sich auf dieselben Ereignisse und sprechen über dieselben Themen. Dennoch entsteht häufig das Gefühl, dass die Beteiligten aneinander vorbeireden. Die eigentliche Differenz liegt dann nicht im Inhalt der Aussagen, sondern in ihrer Funktion.

Während die eine Person versucht herauszufinden, was geschehen ist, beschäftigt sich die andere möglicherweise vor allem damit, welche Folgen eine bestimmte Darstellung der Ereignisse für das eigene Ansehen haben könnte. Während die eine Person nach Zusammenhängen sucht, sucht die andere nach Entlastung. Während die eine Person eine offene Frage stellt, hört die andere einen versteckten Vorwurf.

Dadurch verschieben sich Gespräche oft unmerklich von der Sachebene auf andere Ebenen.

Besonders deutlich wird dies beim Umgang mit Verantwortung. Funktionale Kommunikation behandelt Verantwortung häufig als gemeinsame Untersuchungsaufgabe. Fehler, Missverständnisse oder Konflikte werden betrachtet, um ihre Entstehung nachvollziehen zu können. Verantwortung besitzt dabei keinen zwingend moralischen Charakter, sondern dient der Orientierung.

In dysfunktionalen Kommunikationsmustern wird Verantwortung dagegen häufig als Bedrohung erlebt. Die Frage nach Ursachen verwandelt sich in die Suche nach Schuldigen. Das Gespräch bewegt sich nicht mehr in Richtung Klärung, sondern in Richtung Selbstverteidigung. Was ursprünglich als gemeinsame Analyse begonnen hat, entwickelt sich zu einem Wettbewerb um Entlastung.

Auffällig ist dabei, dass die Beteiligten oft unterschiedliche Bedeutungen in dieselben Aussagen hineinlegen. Eine nüchterne Beschreibung kann als Angriff verstanden werden. Eine Nachfrage erscheint als Unterstellung. Ein Einwand wird als Illoyalität interpretiert. Die eigentliche Kommunikation findet dann nicht mehr zwischen den ausgesprochenen Worten statt, sondern zwischen den Bedeutungen, die ihnen zugeschrieben werden.

Dadurch entsteht ein zweites Phänomen: Die Funktion direkter Sprache nimmt ab.

Wer funktional kommuniziert, neigt dazu, Aussagen wörtlich zu nehmen. Gesagtes gilt als gemeint. Dysfunktionale Kommunikationsmuster arbeiten dagegen häufig mit Andeutungen, impliziten Erwartungen oder indirekten Botschaften. Zustimmung wird vorgetäuscht, obwohl Ablehnung vorhanden ist. Kritik erscheint in Form von Ironie oder Mehrdeutigkeit. Konflikte werden nicht ausgesprochen, sondern über Umwege transportiert.

Das führt dazu, dass beide Seiten zunehmend unterschiedliche Gesprächsrealitäten erleben.

Für die funktional handelnde Person wirkt das Gegenüber widersprüchlich oder unklar. Für die dysfunktional handelnde Person erscheint die andere Seite möglicherweise naiv, kalt oder unsensibel. Beide Interpretationen beruhen weniger auf den tatsächlichen Absichten des Gegenübers als auf unterschiedlichen Erwartungen an Kommunikation.

Hinzu kommt die Frage der Grenzen.

In funktionalen Kommunikationssystemen gehören Grenzen zum normalen sozialen Inventar. Menschen dürfen unterschiedliche Interessen verfolgen, Anfragen ablehnen oder eigene Positionen vertreten, ohne dass dadurch die Beziehung grundsätzlich infrage gestellt wird.

In dysfunktionalen Systemen besitzen Grenzen häufig eine andere Bedeutung. Ein Nein kann als Zurückweisung erlebt werden. Widerspruch erscheint als Illoyalität. Distanz wird als Angriff interpretiert. Die eigentliche Handlung verliert an Bedeutung gegenüber ihrer symbolischen Wirkung.

Dadurch entstehen häufig Konflikte, die für Außenstehende unverhältnismäßig wirken. Nicht die konkrete Situation erzeugt die emotionale Dynamik, sondern die Bedeutung, die ihr zugeschrieben wird.

Ein weiterer Unterschied betrifft den Umgang mit Widersprüchen.

Funktionale Kommunikation erlaubt grundsätzlich die Möglichkeit, dass eigene Wahrnehmungen unvollständig oder fehlerhaft sein könnten. Irrtümer gelten als normaler Bestandteil menschlicher Erkenntnis. Aussagen können korrigiert werden, ohne dass dadurch das gesamte Selbstbild erschüttert wird.

Dysfunktionale Kommunikationsmuster reagieren auf Widersprüche oft empfindlicher. Korrekturen werden nicht als Beitrag zur gemeinsamen Wirklichkeitssuche verstanden, sondern als Infragestellung der eigenen Person. Entsprechend steigt die Wahrscheinlichkeit von Rechtfertigungen, Umdeutungen oder Themenwechseln.

Aus diesem Grund geraten viele Gespräche in Schleifen. Sachfragen bleiben ungelöst, obwohl ausführlich gesprochen wird. Informationen werden ausgetauscht, ohne dass Verständigung entsteht. Die Kommunikation produziert Aktivität, aber keinen Erkenntnisgewinn.

Besonders belastend wird diese Dynamik für Menschen, die davon ausgehen, dass Missverständnisse durch bessere Kommunikation überwunden werden können. Sie investieren mehr Zeit, mehr Erklärungen, mehr Differenzierungen und mehr Argumente. Paradoxerweise vergrößert sich dadurch manchmal sogar das Problem. Je mehr Material vorhanden ist, desto mehr Möglichkeiten entstehen für Umdeutungen, Missverständnisse oder Abwehrreaktionen.

An diesem Punkt zeigt sich eine oft übersehene Eigenschaft von Kommunikation: Sie kann nur dann funktionieren, wenn ihre grundlegenden Regeln zumindest teilweise geteilt werden.

Wo Wahrhaftigkeit, Verantwortung, Realitätsbezug und Selbstreflexion unterschiedliche Bedeutungen besitzen, entstehen nicht bloß Meinungsverschiedenheiten. Es entstehen unterschiedliche soziale Wirklichkeiten.

Die eigentliche Schwierigkeit liegt deshalb selten in einzelnen Aussagen. Sie liegt in den unsichtbaren Annahmen darüber, was Kommunikation sein soll. Solange diese Annahmen übereinstimmen, können selbst harte Konflikte produktiv verlaufen. Fehlen sie jedoch dauerhaft, wird Verständigung nicht nur schwierig. Sie verliert ihre gemeinsame Grundlage.

Kommunikation erscheint dann weiterhin möglich. Worte werden gesprochen, Argumente formuliert und Gespräche geführt. Doch hinter der äußeren Form verbirgt sich eine tiefere Trennung: die Trennung zwischen Menschen, die dieselbe Sprache sprechen, aber unterschiedlichen Regeln folgen.

Neugierbogen

Zu diesem Artikel gibt es einen Neugierbogen – einen Beobachtungsbogen für die beschriebene Situation. Er steht hier zum Download als PDF-Dokument bereit.

Über die Autorin

Silke Hupka beschäftigt sich mit sozialen Dynamiken, Gruppenprozessen und den Mustern menschlichen Zusammenlebens. Auf Neugiernase macht sie Zusammenhänge sichtbar, die oft erst auffallen, wenn man Abstand gewinnt. Immer noch neugierig? Hier gibts mehr Infos.

Denkanstöße zu sozialen Dynamiken

Neugiernase lädt dazu ein, soziale Phänomene mit Neugier zu betrachten – und sich dabei gelegentlich an die eigene Nase zu fassen.

Menschen leben in Gruppen. In Familien, Freundeskreisen, Vereinen, Kirchengemeinden, Nachbarschaften, Teams und Gemeinschaften aller Art.

Dort entstehen Zugehörigkeit, Vertrauen und Unterstützung. Aber auch Konflikte, Missverständnisse, Ausgrenzung, Loyalitätskonflikte und schwierige Entscheidungen.

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